Zeit

Die deutsche Ethnologin und Afrikanistin Heike Behrend beschreibt in ihrem Buch „Menschwerdung eines Affen“ u.a. das Verständnis und den Umgang mit Zeit beim Stamm der Tugen in den Tugenbergen in Kenia.
Grundsätzlich gehen die Tugen davon aus, dass die Zeit in einem Kreis verläuft. Nach ca. 100 Jahren wiederholen sich die Ereignisse. Alles wiederholt sich: die Dürren, die Konflikte mit anderen Stämmen, die Beherrschung durch andere, die Stammesführungen etc.. Im Laufe eines Lebens durchläuft der Mensch dort sieben oder acht Phasen, zu deren Beginn er auch einen neuen Namen bekommt. Die Rollen, die er übernimmt, sind nicht seine individuellen Rollen, sondern haben schon andere vor ihm gehabt und werden andere nach ihm wieder einnehmen. So berichtet Heike Behrend, dass eine Frau, von der sie ein Foto-Porträt gemacht hatte, dieses achtlos beiseitegelegt hat. Dies könnte damit erklärt werden, dass sie sich in ihrer Rolle und nicht in ihrer Individualität sieht.

Unterschiedliche Arten, mit der Zeit umzugehen

Die Jahreszeiten werden bei den Tugen an den Sonnenständen abgelesen. Je nach Jahreszeit geht die Sonne an einer anderen Stelle einer Bergkette auf oder unter. Die Tugen bezeichnen die markanten Stellen der Bergkette als Häuser der Sonne. Tageszeiten werden an den Ständen und den Längen der Schatten bestimmt.

Heike Behrend war zunächst enttäuscht und ärgerlich, wenn die verabredeten Gesprächszeiten, Schattenstände, für Treffen von Tugen nicht eingehalten wurden. Für sie war das dann vertane, verlorene Zeit, in der sie ihrer ethnologischen Arbeit nicht nachgehen konnte. Schließlich verstand sie, dass für die Tugen Zeit nicht verloren gehen kann, da sie immer da ist. Sie realisierte, dass auch sie keine „Zeit verliert“, da sie schließlich andere interessante Beobachtungen und Gespräche machte, auf die sie in ihren Vorplanungen nicht gekommen wäre.

Einmal hatte ein Dorflehrer, der eine Uhr besaß, sie eingeladen, ihr Sehenswürdigkeiten in der Umgebung auf Sightseeingtour zu zeigen. Verabredet hatte er sich mit ihr zu 10:52 Uhr. Der weitere Ablauf war auch wieder an einen genauen Zeitplan gebunden, also z.B. Ankunft bei einer Sehenswürdigkeit um 11:33 Uhr so weiter. Er bestand auf der Einhaltung seines Zeitplanes und so mussten sie sich hetzen, um ihn zu erfüllen. So führte er der Ethnologin aus Europa in karikierender Weise ihren eignen Umgang mit der Zeit vor Augen.

Unterschiedliche Arten, mit der Zeit umzugehen

Allerdings haben auch wir unsere ganz unterschiedlichen Zeitbegriffe. Das Jahr lassen wir uns durch Festtage, Urlaubsbeginn und -ende, Saisonzeiten etc. kalendarisch grob fremdbestimmen. Bei uns in Europa geht halt nicht die Sonne „in ihren Häusern“ auf und unter. Dafür sind wir bei der fremdbestimmten Zeiteinteilung ganz anpassungsfähig. Einige Beispiele: die Firma legt Urlaubszeiten fest, Ostern fällt auf den ersten Sonntag nach dem zyklisch bestimmten Vollmond, der am oder nach dem 21. März stattfindet, den Ferienbeginn legt die Kultusministerkonferenz fest,  die Bundesligaspielpläne der DFB, die Regelungen von Sommer und Winterzeit werden durch Gesetze bzw. Verordnungen des Bundes festgelegt, Familienfeste durch die Familientraditionen etc..

Unterschiedliche Zeiteinteilung

Für die Zeiteinteilung haben wir auch unterschiedliche Kategorien. Im Familien- und Freundeskreis werden „gleich, bald, sofort etc.“ als Zeitbestimmungen erfahrungsgemäß individuell und gruppenspezifisch unterschiedlich, aber so ungefähr doch verstanden. Unser Nachbar rief z.B. während des Nachmittagskaffes mit seiner Frau an und meinte, er würde „gleich“ kommen. Gleich war in diesem Falle, wenn er mit seiner Frau den Kaffee ausgetrunken hat. Handwerker haben gegenüber Kunden u. U. wieder ein ganz anders Zeitverständnis, wenn sie „gleich“, „bald“ oder „schnell“ sagen.

Gewöhnlich verabredet man sich meist zur oder gegen einer vollen oder halben Stunde z. B. zu einem geselligen Treffen, etwa einer Grillparty. Man kommt dann in der Regel kurz vor, kurz nach der verabredeten Zeit. Berufliche Schichtzeiten sind rechtlich in Stunden geregelt,  Stempeluhren verwenden meist einen 6-Minuten-Takt, Berufliche Termine sind meist auch nur viertelstundengenau festgelegt, Verabredungstermine, die getaktet sind, meist in fünfminütigen Schritten, Fahrpläne sind in der Regel  stunden- und minutengenau festgelegt.

Zeiteinteilungen

Für den privaten Alltag reicht eigentlich eine Uhr, die die Zeit in Viertelstundenschritten angibt, ganz so wie das Schlagen einer Stand- oder Kirchenuhr. Ansonsten reicht erfahrungsgemäß die nähere zeitliche Bestimmung „kurz vor“ oder „kurz nach“ oder „gegen“. Begeben wir uns in die von der Technik bestimmten und getakteten Zeit, müssen(?) wir uns ihr anpassen und eine Uhr mit Minutenangaben, besser mit Sekundenangaben, haben, um deutlich zu machen, wie sehr wir uns der Technik, besser noch den Softwaren, angepasst haben. Dabei merkt man oft nicht, wie sehr man dem oben vorgestellten Lehrer gleichen kann, der die absurde Hast demonstrierte, wenn man von einer Uhr bestimmt keine Zeit verlieren will. Für die Tugen in Kenia kann dagegen die Zeit offensichtlich nicht verloren gehen, da sie immer da ist.

Fotos von Klaus Botta

Hinterlassen Sie einen Kommentar


Bitte beachten Sie, dass Kommentare vor der Veröffentlichung freigegeben werden müssen